Therapie-Angebote und Therapie-Inhalte

Wichtig zu wissen

Die Chancen einer spontanen Ausheilung bei akutem Tinnitus sind grundsätzlich sehr hoch, so dass es nicht zwangsläufig einer Behandlung bedarf!

Zum Ausschluss organisch behandelbarer Ursachen sollte allerdings in jedem Fall der HNO-Arzt konsultiert werden. Zudem gilt es, mit dem Erstauftreten von Tinnitus wichtige Voraussetzungen zu schaffen, die einer möglichen Chronifizierung vorbeugen.

Die nachfolgenden Therapieangebote ermöglichen dem Tinnitus-Betroffenen eine optimale, phasengerechte sowie belastungsgemäße Betreuung nach aktuellem wissenschaftlichen Erkenntnisstand und unter Berücksichtigung individueller, ganzheitlicher Aspekte.

Akute Phase


  • Tinnitus-Diagnostik und entlastendes Beratungsgespräch („Counseling“)
  • leitliniengemäße Kortikoid-Infusionsbehandlung, ggf. mit spezifischen Zusätzen
  • ggf. Anbahnung einer hyperbaren Sauerstoff-Behandlung
  • ggf. Entspannungsverfahren bei besonderer Belastungssituation

Subakute & chronische Phase (spätestens ab 12. Woche)


  • Entwicklung eines individuellen Störungsmodells unter Berücksichtigung persönlicher bio-psycho-sozialer Einflussfaktoren
  • Kompetenz- und Ressourcen-aktivierende Interventionen
  • Entspannungsverfahren
  • ggf. Optimierung der Hörsituation
  • ggf. Anbahnung akustischer Neurostimulation
  • ggf. Anpassung von Tinnitus-Maskern i.R. der TRT
  • ggf. manuelle oder physiotherapeutische Therapie, Bissschienen-Versorgung

Abgestimmt auf die persönlichen Bedürfnisse des Betroffenen und den Tinnitus-Belastungsgrad – gemessen mit dem Tinnitus-Fragebogen (Goebel & Hiller 1998) – kann die Therapie intensiviert werden als:

  • Ressourcen-aktivierende Kurz-Therapie mit 5 Einzelsitzungen für Betroffene bis Belastungsgrad II (mittel).
  • Lösungs-orientierte Kompakt-Therapie mit 10 Einzelsitzungen für Betroffene mit Belastungsgrad II bis III (mittel – schwer).
  • Lösungs-orientierte Intensiv-Therapie mit mehr als 10 Einzelsitzungen für Betroffene mit Belastungsgrad III bis IV (schwer – schwerst).

An jede dieser Therapien schließen sich regelmäßge Nachuntersuchungen bis ein Jahr nach Therapieende an.

Veranstaltungen zum Thema Tinnitus und Hörsturz finden Sie unter: News & Veranstaltungen

Inhalte der Therapie

Unser ressourcen-orientiertes Therapie-Programm bei störendem Tinnitus und Geräuschempfindlichkeit wurde eigens in der mehrjährigen und täglichen Arbeit mit tausenden Tinnitus-Betroffenen entwickelt. Die Therapie setzt sich bedarfsgerecht aus speziellen Elementen zusammen, die sich als überaus wirksam erwiesen haben:

 

  • Umfassende Aufklärung auf der Basis des neurophysiologischen Tinnitus-Modells und Entwicklung eines ganzheitlichen, persönlichen Störungsmodells
  • Entwicklung des individuellen Störungsmodells
  • Klärung des persönlichen Gesundheitsziels
  • Tinnitus-spezifische Lernprogramme auf der Basis
    – hypno-systemischer Therapie nach Milton Erickson
    – kognitiver Verhaltenstherapie
  • Verfahren zur Förderung von erholsamem Schlaf
  • Entspannungsverfahren (u.a. Progressive Muskelentspannung nach Jacobson)
  • Methoden des Selbst- und Zustandsmanagements (u.a. Selbsthypnose)
  • Hör-, Klang- und Körpertherapien
  • ggf. Anbahnung einer akustischen Neurostimulation (Notched Music Therapy; Pantev et al. 2012)
  • ggf. Anbahnung der apparativen Versorgung i.S. der Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Therapieziele

Die individuell abgestimmte Therapie zielt auf die gesundheitsförderliche Umgestaltung der beteiligten Komponenten des Hörsystems über eine emotionale und gedankliche Neubewertung des Tinnitus. Dies geschiet vor allem dann (und meist ganz von selbst), wenn es gelingt, den Tinnitus in einen neuen Informations- und Sinnzusammenhang zu stellen.

Dies ist die Grundvoraussetzung dafür, dass der Tinnitus unter die bewusste Wahrnehmungsschwelle treten kann – ähnlich, wie bei anderen Dauerreizen, die wir im Alltag nicht bewusst wahrnehmen, da sie eine neutrale Bedeutung haben (z.B. Berührungsreiz der Kleidung).

Der Betroffene lernt zudem, das Tinnitus-Erleben und die aufrechterhaltenden Faktoren in gesundheitsförderlicher Weise aktiv zu beeinflussen. Dies geschiet durch die Aktivierung und Nutzung zumeist verdeckter Ressourcen und Kompetenzen des Betroffenen.

Im Verlauf kann der Tinnitus nachhaltig in den Hintergrund treten, so dass die vormals störende Tinnituswahrnehmung einem zunehmend stimmigen Körper- und Selbstbewusstsein weicht.
Qualitätssicherung

Die Bewertung der Therapie erfolgt zunächst engmaschig mit Hilfe strukurierter Interviews zur Qualität der Therapiesitzungen aus Patientensicht. Die Bewertung der Therapieergebnisse orientiert sich darüber hinaus an wissenschaftlichen Standards und erfolgt u.a. mit dem störungsspezifischen Tinnitus-Fragebogen (nach Goebel & Hiller 1998) in regelmäßigen Abständen bis zu einem Jahr nach Ende der Therapie.

Besonderheiten des Konzeptes

Vorbemerkungen

Dass viele der Tinnitus-Betroffenen und auch behandelnde Ärzte nach Therapie-Ansätzen suchen, die den konventionellen medizinischen Prinzipien entsprechen (Medikament, Operation), ist allzu verständlich. Wie entlastend wäre es doch, könnte man den Tinnitus einfach „wegmachen“?

Tatsächlich entspricht dies der Sichtweise des Pathogenese-Modells mit der Fokussierung auf Ursachen und Risikofaktoren von Symptomen und Krankheiten, deren Beseitigung im Idealfall die Ausheilung der Schädigungsfolgen ermöglicht. Die immensen Fortschritte der Hochleistungsmedizin basieren auf diesem Prinzip, welches insbesondere in unserer westlich zivilisierten Welt zur Alltagsanschauung geworden ist.

Im Falle des störenden Tinnitus, hat diese Sichtweise bekanntermaßen eine symptomverstärkende und -aufrechterhaltende Wirkung: Jede Anstrengung, den Tinnitus „wegzumachen“, verstärkt nur die unwillkürliche Fokussierung auf das Symptom. Mit dieser inneren Haltung und der Fokussierung auf die „Störung“ werden zudem regelmäßig wichtige, für den therapeutischen Prozess notwendige, eigene Gesundheitsressourcen wahrnehmungsbezogen und kommunikativ ausgeblendet.
Wenn es auch kein Patentrezept für die Behandlung des Tinnitus nach klassischen medizinischen Prinzipien gibt, so existieren doch wissenschaftliche Konzepte anderer Art, die sich als überaus hilfreich erwiesen haben.

Salutogenese - Fokussierung auf Wirkfaktoren für Gesundheit

Dem gesundheitswissenschaftlichen Konzept der Salutogenese folgend (lat. salus = gesund, griech. genesis = Entstehung), fokussieren unsere therapeutischen Ansätze weniger auf das, was krank macht, als auf das, was – auch in Gegenwart von Stressoren – Gesundheit fördert, nämlich individuelles, zumeist ungenutztes und oft unbewusstes Gesundheitspotenzial. Die Chance dieses Potenzial optimal zu entfalten steigt in dem Maße, wie Menschen ihr Leben mit all‘ seinen Anforderungen (Stressoren) als verstehbar, handhabbar und sinnvoll erleben.

Aus langjäriger praktischer Erfahrung in der Arbeit mit Tinnitus-Betroffenen und wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass das Leiden ab- und das individuelle Gesundheitserleben zunimmt, wenn es dem Betroffenen gelingt, den Tinnitus in einen neuen Informations- und Sinnzusammenhang zu stellen, d.h. wenn eine neutrale oder sogar positive Neubewertung eintritt. Hieran sind neben willkürlichen insbesondere unwillkürliche Prozesse der Informationsverarbeitung beteiligt.

Ressource- und Lösungsorientierung

Ressource- und lösungsorientierte Konzepte der modernen Hypnose: Hypnose ist eine der ältesten, wissenschaftlich anerkannten Heilverfahren der Menschheit. Sie dient der Anregung gesundheitsförderlicher Zustände mentaler und körperlicher Art und bedient sich dabei sprachlich-kommunikativer Zugangsweisen.

Die Effekte von Hypnose sind für viele Störungsbereiche wissenschaftlich belegt und lassen sich heute bis auf die Ebene hirnphysiologischer Vorgänge nachweisen (z.B. Bongartz et al. 2002).

Eine Besonderheit des naturalistischen Ansatzes nach Milton H. ERICKSON (1901-1980) liegt in der Orientierung auf verdeckte Ressourcen und Kompetenzen des Klienten. Zudem zeichnet sich die moderne Hypnose nach ERICKSON durch einen wertschätzenden, kooperativen Kommunikationsstil aus und betont die Autonomie, Eigenverantwortung und Selbstorganisation des Patienten.

Die moderne, ericksonsche Hypnose gilt daher heute als bestes Modell zur Verwirklichung einer flexiblen, patientenbezogenen und ressourceaktivierenden Kommunikation. Sie ist für uns eine effektvolle Möglichkeit, das Salutogenese-Konzept in der Tinnitus-Therapie praktisch umzusetzen (Ross 2002).

Wichtiger Vorteil der modernen Hypnose ist zudem, dass sie die unwillkürliche Erlebnisebene der Betroffenen vermehrt berücksichtigt – also diejenige Ebene, auf der das Symptom Tinnitus maßgeblich aufrechterhalten wird.

Willkürliche und unwillkürliche Prozesse

Ganzheitliche Kooperation von willkürlichen und unwillkürlichen Prozessen: Eine oft sehr leidvoll erlebte Situation von Tinnitus-Betroffenen ist folgende: Sie erleben einen autonomen Prozess der Aufmerksamkeitsfokussierung, den sie auf bewusster, willkürlicher Ebene nicht wollen, der sich aber dennoch machtvoll auf unwillkürlicher Ebene durchsetzt – auch (und zum Teil erst recht), wenn sie versuchen, dies zu verhindern.

Auf diese Weise entsteht ein problematischer Widerstreit zwischen „negativen“ unwillkürlichen und „positiven“ willkürlichen Prozessen. Solche Bekämpfungsversuche lösen oft nicht das Problem, meist verstärken sie es noch: „Solange der Tinnitus mein Feind ist, kann ich ihn nicht aus dem Scheinwerfer der Aufmerksamkeit entlassen – wohl aber, wenn er zu einem Begleiter wird.“

Allgemeinhin werden unwillkürliche Prozesse in unserem Kulturkreis als bedrohlich oder dubiös angesehen, da sie sich meist unserer bewussten Kontrolle entziehen. Dagegen werden bewusste, rationale und kognitive Prozesse eher als wünschenswert empfunden.

Erkenntnisse der modernen Hirnphysiologie relativieren jedoch diese übermäßige Bedeutung, die den bewussten und willkürlichen Prozessen zugeschrieben wird, zu Gunsten unwillkürlicher Prozesse (Roth 1997, Damasio 1997).

Das Konzept zur kompetenzorientierten Tinnitus-Therapie geht daher über einseitig willkürbetonte „Trainings“ im Rahmen gängiger Tinnitus-Retraining-Konzepte hinaus. Denn es bezieht – mit Hilfe der moderner Ansätze der Hypnose – auch die unwillkürliche Prozess-Ebene des Betroffenen mit ein, um gesundheitsförderliches Erleben und Verhalten gerade hier unter Nutzung unbewussten Ressourcen des Betroffenen aufzubauen.

Entwicklungsorientierter Ansatz

Ein entwicklungsorientierter Ansatz: Tinnitus als konstruktives Feedback-Signal. Viele Betroffene bemerken, dass sich die Wahrnehmungsintensität des Tinnitus kontextabhängig ändert. Abhängig zum einen vom Pegel der Umgebungsgeräusche, zum anderen in nicht unerheblichem Maße auch von psycho-sozialen Faktoren.

In der hypnotherapeutischen Arbeit mit Betroffenen kommen in der wechselnden Ausprägung des Tinnitus nahezu regelmäßig individuell zustandsabhängige, alltäglich nicht beachtete Bedürfnisse nach Abgrenzung, Freiraum, Selbstwahrnehmung, Entlastung und Sicherheit autonom zum Ausdruck.

Wird der Tinnitus als Hinweis genommen, diesem beachtenwerten Bedürfnis zukünftig in Selbstverantwortung nachzukommen, kann er gewissermaßen als „Kooperationspartner in Sachen Gesundheit“ genutzt werden – d.h. ebenso konstruktiv wie die Wahrnehmung von Hunger uns zum Essen führt.

Auf diese Weise kann Tinnitus überaus hilfreich dabei sein, einen ausbalancierten Lebensstil zu entwickeln, der sowohl den bewussten Zielvorstellungen wie Rollen- und Funktionserfüllung in Beruf und Familie als auch – mehr als bisher – den genannten Bedürfnissen gerecht wird.

Das hier skizzierte, kompetenzorientierte Therapiekonzept basiert auf Erkenntnissen aus den Gesundheitswissenschaften, systemphysiologischen Ansätzen der modernen Hirnforschung, den Kommunikationswissenschaften sowie aus nicht-biologischen Disziplinen wie Kybernetik, Synergetik und Informationstheorie.